Was Klettern und Agile Softwareentwicklung gemeinsam haben.

Seit einigen Tagen treibt mich eine Metapher um, die agiles Vorgehen in der Softwareentwicklung auf das Klettern überträgt:

  • Das Team: ich und meine Kletterpartner
  • Das gemeinsame Ziel: wir wollen den Gipfel des “Mount Agilo” (1337m üNN.) erreichen
  • Unsere Mission: acht Seillängen auf 300m im siebten Schwierigkeitsgrad über die Route”lean pumpin’”

Wir kennen die Route noch nicht, haben nur eine Karte (Topo genannt), die uns zeigt, in welchen Abständen Standplätze eingerichtet sind, welchen Schwierigkeitsgrad jede Seillänge hat und wie die Sicherungen sind (gibt es Bohrhaken? rostige Normalhaken? vielleicht gar keine?). Aber vieles ist wie immer zu Beginn noch unklar:

  • Was uns sonst unterwegs erwartet? Wir wissen es nicht.
  • Kommen wir mit der Schwierigkeit zurecht?
  • Wie lange brauchen wir bis zum Gipfel? Normalerweise 25min pro Seillänge, aber eine so schwere Tour sind wir noch nie geklettert.
  • Wird das Wetter halten? Zieht möglicherweise später ein Gewitter auf?

Das Team ist voll motiviert, fit und gut ausgebildet: jeder weiß mit dem Material umzugehen, wie man Standplätze baut, mobile Sicherungen mit Stoppern, Friends und Schlingen legt. Wie wir uns bei einem Wettersturz verhalten und unsere Kameraden retten, sollte sich jemand verletzen.

Wir steigen also ein, haben uns für Wechselführung entschieden. Das heißt, jeder im Team steigt abwechselnd eine Seillänge vor, das können wir alle. Wir brauchen keinen Anführer, denn wir haben ein gemeinsames Ziel und verlassen uns auf einander. Trotzdem ist es gut zu wissen, dass einer mehr Erfahrung hat, den kann man fragen, seine Meinung wird von allen respektiert. Aber auch nicht unüberlegt und fraglos übernommen. Fehler am Berg können gefährlich sein.

In der ersten Seillänge machen wir uns mit dem Berg bekannt: wie ist die Felsqualität, halten alle Griffe und Tritte, gibt es Steinschlag? Am ersten Standplatz angekommen sprechen wir darüber, tauschen uns aus. Untersuchen den Standplatz: wie ist er gebaut? Gibt es mehr als einen Haken? Sitzen alle Haken fest oder müssen wir den Standplatz mit mobilen Sicherungsmitteln verbessern? Wir haben 45min gebraucht. Das zu messen hilft uns zu schätzen, wie lang wir bis zum Gipfel brauchen. Da wir aber nicht wissen, was noch vor uns liegt, müssen wir uns diese Gedanken nach jeder Seillänge machen und jedes mal messen, wie lange wir gebraucht haben. Vor der nächsten Seillänge immer aufs neue entscheiden, wer sich diesmal traut, voraus zu klettern. Weil mit der Zeit natürlich die Kraft und auch manchmal die Nerven nachlassen, müssen wir den Zustand unseres Teams und unsere Leistungsfähigkeit immer wieder überprüfen und uns daran anpassen, um die nächsten Seillängen bis zum Gipfel schaffen zu können.

Am Ende läuft es bis zum Gipfel gut, die Kletterei macht richtig Spaß, wir haben unterwegs die Möglichkeit, alle mobilen Sicherungsmittel zu nutzen und den Umgang mit ihnen immer weiter zu üben und zu verbessern.  Obwohl wir einige schwierige Stellen ausbouldern und mehrere Anläufe nehmen müssen, können wir unsere Zeit pro Seillänge auf 35min reduzieren und unterwegs trotzdem genügend Pausen machen, um uns zu erholen und am Ende den Gipfelerfolg und die herrliche Aussicht zu genießen.

Was hat das jetzt mit einem Softwareprojekt zu tun?

  • Wir kannten am Anfang nur das Ziel, nicht, was uns auf dem Weg dorthin erwartet.
  • Wir hatten keinen ausgearbeiteten Plan wie wir klettern, nur eine kleine Karte mit dem ungefähren Routenverlauf.
  • Wir beherrschten unser Handwerk, die Route waren wir noch nie geklettert.
  • Wir mussten uns iterativ von Standplatz zu Stanplatz nach oben arbeiten.
  • Wir mussten nach jeder Seillänge entscheiden, ob wir weiter klettern, wer vorsteigt und mit welcher Taktik wir vorgehen bzw. wie wir uns an die jeweils neue Situation anpassen.
  • An schweren Stellen mussten wir ausprobieren, uns gegenseitig Feedback geben und gemeinsam lernen, wie wir weiter kommen.
  • Durch Ausprobieren und Reflektieren haben wir viel Erfahrung gewonnen, die uns helfen wird, weitere und schwierigere Routen zu klettern.

Alles das findet man in der Softwareentwicklung wieder. Ich freue mich über Feedback, mit dem ich diese kleine Geschichte vielleicht noch besser erzählen kann.

Dieser Beitrag wurde unter Software und Management abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*


Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>